Mittwoch, 14. Dezember 2016

Mann braucht keine Krücke.

Penis bones from various mammals are part of the collection of bones at scientist Ray Bandar s his h
aus Süddeutsche.de,Penisknochen verschiedener Vertreter der Tierwelt

Darum hat der Mensch keinen Knochen im Penis
Das Baculum ist im Tierreich verbreitet, der Mensch aber verlässt sich bei der Erektion auf das nicht immer zuverlässige System der Schwellkörper. Eine Studie zeigt: Es liegt an der Monogamie.
 
Von Felix Hütten

Die Evolution, so lernt man das, treibt die Innovation in der Natur voran. Manchmal entstehen dabei jedoch Dinge, deren Sinn unerklärlich bleibt. Der Penisknochen, in der Fachsprache Os penis oder Baculum genannt, ist so ein bislang ungelöstes Rätsel der Evolution. Manche Spezies pflanzen sich bis heute mit dessen Hilfe fort. Anderen, so auch dem Menschen, ist er im Laufe der Evolution abhandengekommen.

Die Anthropologen Matilda Brindle und Christopher Opie vom University College London haben in einer Studie, erschienen im Journal Proceedings B der britischen Royal Society, untersucht, wie sich das besagte Körperteil im Laufe der Entstehung der Arten entwickelt hat. Ihre Antwort: Monogame Lebewesen brauchen ihn nicht.

"Hoher postkopulatorischer Wettbewerb"

Der Penisknochen hilft Tieren, beispielsweise Fledermaus-Männchen, Bonobos und Schimpansen, bei der Versteifung des Glieds. Das Baculum ist so etwas wie ein verknöcherter Schwellkörper, der die Erektion des Penis schnell und anhaltend ermöglicht. Zudem hilft er dem Männchen, sein Sperma möglichst nahe an die Gebärmutter des Weibchens zu bringen und eine Befruchtung wahrscheinlicher zu machen.

In ihrer Untersuchung zeigen die Wissenschaftler anhand komplexer Korrelationsrechnungen, dass sich der Knochen unter Säugetieren vor etwa 145 bis 95 Millionen Jahren ausgebildet haben muss, um im weiteren Verlauf teilweise wieder zu verschwinden. Warum das Baculum des Menschen überflüssig wurde, erklären sich die Autoren mit der Dauer des Geschlechtsverkehrs und der Zahl der Sexualpartner.

"Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass der Knochen die männliche Reproduktionsstrategie unterstützt, und zwar unter jenen Arten, in denen das Männchen einem hohen postkopulatorischen Wettbewerb ausgesetzt ist", sagt Autorin Matilda Brindle. Einfacher formuliert: Ein länger anhaltender Geschlechtsakt (mehr als drei Minuten) verringert die Chancen der Mitbewerber. Es geht also um die Frage, wessen Genmaterial am Ende zu Nachwuchs führt und somit überlebt.

Wackliges System der Erektion durch Schwellkörper

Polygamie, in diesem Fall Sex mit vielen verschiedenen Partnern, ist unter Menschen heute weniger häufig als im Tierreich. Diese kulturellen Änderungen im Fortpflanzungsverhalten könnten, so vermuten Brindle und Opie, einst das Aus für den menschlichen Penisknochen bedeutet haben. Als sich die menschliche Spezies von ihren Vorfahren absetzte und das Paarungsverhalten vor geschätzten zwei Millionen Jahren in Richtung Monogamie schwenkte, fehlte wahrscheinlich der evolutionäre Druck, den Penisknochen aufrechtzuerhalten, sagt Christopher Opie.

Wie die Forscher in ihrer Studie schreiben, konnten sie einen positiven Zusammenhang zwischen der Länge des Baculums und der Dauer des Geschlechtsaktes feststellen. Schimpansen und Bonobos, die mit dem Menschen eng verwandt sind, haben eine Paarungszeit von etwa sieben bis 15 Sekunden - im Vergleich zu anderen Tieren eher kurz. Im Verhältnis zur Körpergröße ist ihr Penisknochen winzig, und mit sechs bis acht Millimetern nicht länger als ein Fingernagel. Im Unterschied zum Menschen aber leben sie polygam, was ihnen womöglich diesen Überrest eines Penisknochens beschert.

Den Menschen betreffend wird übrigens eine weitere Theorie diskutiert. Aus Sicht der Fortpflanzung und der Evolution erscheint es schließlich auf den ersten Blick unlogisch, sich auf das wacklige System der Erektion durch Schwellkörper zu verlassen und die knöcherne Hilfe aufzugeben. Allerdings könnte die (knochenfreie) Erektion des Mannes für die Partnerin ein Signal der Gesundheit sein - was die Partnerwahl vereinfacht.

Dienstag, 6. Dezember 2016

Kaum lässt der Selektionsdruck nach...

Nordirak
aus scinexx

Evolution: 
Schmalere Becken durch Kaiserschnitt?
Modell zeigt evolutionäre Auswirkung des medizinischen Fortschritts

Erstaunliche Anpassung: Die regelmäßige Durchführung von Kaiserschnitten hat sich in den letzten Jahrzehnten auf die Anatomie von Frauen ausgewirkt, wie ein Modell nun zeigt. Demnach wird das weibliche Becken immer schmaler - und ist als Folge in Relation zum Kindskopf oft zu klein. Den Grund dafür sehen die Forscher in der Evolution: Dank der Möglichkeit der Geburt per Operation fehle der Selektionsdruck hin zu einem breiteren Becken.

Immer mehr Babys werden per Kaiserschnitt geboren. In Brasilien sind es sogar mehr als die Hälfte. Viele Wissenschaftler halten den Trend hin zur Geburt per Operation für ein rein soziales Phänomen. Denn die Rate der Geburtsprobleme, die einen operativen Eingriff nötig machen, ist um ein Vielfaches geringer. "Das stimmt, aber eben nicht ganz", sagt Philipp Mitteröcker von der Universität Wien. Er und seine Kollegen haben den Zusammenhang zwischen Kaiserschnitten und Geburtsproblemen untersucht - und Erstaunliches festgestellt. 

Die Datenanalyse der Mediziner zeigt: Tatsächlich hat in den vergangenen Jahrzehnten auch die Anzahl der "echten" Geburtsprobleme zugenommen - allen voran das sogenannte Becken-Kopf-Missverhältnis. Seit den 1960er Jahren steigt demnach die Zahl der Frauen, deren Becken relativ zur Größe des Fötus zu schmal ist - und damit die Gefahr, dass der Kopf des Kindes bei der Entbindung nicht durch den Geburtskanal passt. 

Fortschritt fördert anatomische Missverhältnisse 

Doch warum ist das so? Die Wissenschaftler glauben: Die Evolution ist schuld. Während vor der Entwicklung des Kaiserschnitts in den 1950er Jahren eine Geburt noch für bis zu sechs Prozent der Frauen tödlich endete, können dank der modernen Medizin heute auch Frauen mit sehr schmalem Becken gefahrlos entbinden. Die Folge: Aus evolutionsbiologischer Sicht entfällt der Selektionsdruck hin zu einem breiteren Becken. 

Mithilfe eines Modells haben Mitteröcker und seine Kollegen berechnet, dass die regelmäßige Durchführung von Kaiserschnitten zu einer evolutionsbedingten Zunahme der Becken-Kopf-Missverhältnisse von zehn bis zwanzig Prozent geführt hat. Ihnen zufolge reichen etwa zwei Generationen, bis sich die Fortschritte in der Medizin in unserer Biologie abzeichnen. Demnach sei die Evolution auch beim modernen Menschen am Werk.

Das Dilemma des Frauenbeckens 

Dass Frauen überhaupt mit anatomischen Problemen bei der Geburt zu kämpfen haben, ist allerdings ein evolutionärer Sonderfall: Eigentlich müssten Gene, die für zu schmale Becken und zu große Föten sorgen, längst ausgestorben sein, da Frauen mit einer solchen Veranlagung früher selten die Geburt überlebt haben. 

Wissenschaftler vermuten den Grund für diese vermeintliche Fehlanpassung im aufrechten Gang: Als der Mensch auf diese Weise zu gehen begann, entwickelte er ein schmales Becken. "Dies ist aus evolutionärer Sicht für unsere Fortbewegung von Vorteil", sagt Mitteröcker. Das Dilemma: Auf der anderen Seite erhöhen sich die Überlebenschancen eines Babys, je größer es bei der Geburt ist. Hier kommen sich demnach der Selektionsdruck hin zu schmaleren Becken und jener hin zu größeren Babys in die Quere.

Die Fitnesskurve hat sich stark verschoben und die Diskrepanz zwischen der Größe des Fötus und des Geburtskanals nimmt zu.
Die Fitnesskurve hat sich stark verschoben und die Diskrepanz zwischen der Größe des Fötus und des Geburtskanals nimmt zu.

Kaiserschnitt verschiebt Fitnesskurve 

Was dieses Dilemma für die individuelle Fitness einer Frau bedeutet, haben die Forscher in ihrem Modell nachgezeichnet - und dabei auch den Effekt des Kaiserschnitts deutlich machen können: "Für unsere Fitnesskurve heißt das: Je schmaler das Becken und je größer das Kind, umso besser – aber eben nur bis zu dem Punkt, an dem das Kind nicht mehr durchpasst: Dann wird es abrupt fatal", erklärt Mitteröcker.

Diesen Punkt markiert die sogenannte "Fitnessklippe" im Modell des Teams. Deutlich ist dabei zu sehen: Die Fitnessklippe hat sich seit der regelmäßigen Anwendung des Kaiserschnitts stark verschoben. Da wir am Becken-Kopf-Missverhältnis nicht mehr sterben, werden die Becken schmaler und natürliche Geburten tendenziell problematischer. 

Nicht nur ein soziales Phänomen 

Für die Forscher ist das ein eindeutiger Beleg dafür, dass die Zunahme von Kaiserschnitten zwar auch, aber nicht nur, ein soziales Phänomen ist: "Auch die Geburtsproblematik hat zugenommen, wenngleich in einem viel geringeren Ausmaß als die Kaiserschnitte", sagen sie. 

Wie Mitteröcker und seine Kollegen betonen, gehe es ihnen allerdings nicht darum, den Kaiserschnitt in Frage zu stellen - sondern vielmehr um Grundlagenforschung: Sie hätten zum ersten Mal mathematisch beschrieben, wie die Medizin den Lauf der Evolution verändert und wie schnell. In Zukunft könne dieses Modell auch in anderen Bereichen eingesetzt werden. (Proceedings oft he National Academy of Sciences, 2016; doi: 10.1073/pnas.1612410113)

(Universität Wien, 06.12.2016 - DAL) 


Nota. - Das ist des öftern schon bemerkt worden: Die Evolution durch Selektion geschieht gelegentlich viel rascher, als der gesunde Menschenverstand sich träumen lässt. Aber so rasch wie hier, im Verlauf von nur zwei Generationen - das wäre schon schwindelerregend! Doch Obacht: Hier geht es nicht um einen ruckartigen Effekt eines Selektionsdrucks, sondern um den ruckartigen Effekt des Fortfalls eines Millionen Jahre alten Selektions- drucks. Vorwärts ist, in der Natur wie im Menschenleben, etwas sachlich Anderes als rückwärts.

(Letzteres würfe ein neues Licht auf das Mysterium der Neotenie und das Dogma von der Unumkehrbarkeit physiologischer Spezialisierungen: Es müsse derselbe Selektionsdruck stets andauern, sonst könne ein evolutionärer Rückfall jederzeit eintreten... Ist das wieder so eine Rache Lamarcks an Darwin?)
JE




 

Donnerstag, 10. November 2016

Von der Gnade des Vergessenkönnens.

Andrea Danti 
aus scinexx 

Sind Männer wirklich vergesslicher?
Frauen sind in Sachen Gedächtnis besser - bis zur Menopause 

Von wegen Vorurteil: Forscher haben nun bestätigt, was viele Frauen längst zu wissen glaubten. Männer haben ein schlechteres Gedächtnis als das weibliche Geschlecht - allerdings nur bis zu den Wechseljhahren. Danach büßen Frauen ihren Vorsprung in Sachen Erinnerungsvermögen ein. Vermutlich sind die hormonellen Umstellungen schuld daran. Diese Erkenntnisse könnten auch neue Erklärungsansätze für die Entstehung von Alzheimer liefern.

Viele Frauen dürften überzeugt davon sein, dass Männer ein schlechteres Gedächtnis haben als sie. Schließlich vergessen die Herren der Schöpfung angeblich ständig wichtige Geburtstage und selbst den eigenen Hochzeitstag, um nur zwei Beispiele zu nennen. Doch Realität und Wahrnehmung sind bekanntermaßen oft zwei verschiedene Paar Schuhe. Was also ist wirklich dran an diesem Vorurteil? 
Tatsächlich belegen Studien, dass Männer zumindest im höheren Alter häufiger unter leichten Störungen des Gedächtnisses leiden als Frauen. Gleichzeitig haben Frauen ein höheres Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Dies könnte aber auch einfach daran liegen, dass sie in der Regel älter werden als Männer. 

Frauen schlagen Männer

Wissenschaftler um Jill Goldstein vom Brigham and Women’s Hospital in Boston haben nun untersucht, ob es bereits im mittleren Lebensalter nachweislich geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf die Gedächtnisleistung gibt - oder ob die männliche Vergesslichkeit ein Klischee ist. Dafür ließen sie 212 gesunde Probanden zwischen 45 und 55 Jahren zu verschiedenen neuropsychologischen Tests antreten, die die Lernfähigkeit und das Erinnerungsvermögen auf die Probe stellten. 


Das Ergebnis gibt dem weiblichen Geschlecht recht: Die Frauen schnitten in allen getesteten Kategorien signifikant besser ab als gleichaltrige, männliche Mitstreiter. Doch es gab eine entscheidende Ausnahme: Frauen, die ihre Menopause schon hinter sich hatten, erzielten ungefähr die gleichen Ergebnisse wie die Männer - und waren demnach schlechter als andere weibliche Teilnehmer. 

Kein Vorsprung mehr nach der Menopause 

Für die Forscher ist das ein Zeichen dafür, dass sich durch die hormonelle Umstellung bestimmte Gehirnfunktionen nach den Wechseljahren ändern. Tatsächlich stützten weitere Untersuchungen die These, dass die weiblichen Geschlechtshormone wichtig für das Erinnerungsvermögen sind: Je höher bei den weiblichen Probanden die Konzentration einer bestimmten Form des Östrogens, das Östradiol, war, desto besser schnitten sie in den Tests ab. 

Vor allem neu Gelerntes konnten sich Frauen mit niedrigeren Mengen des Botenstoffs schlechter merken. Von den hormonellen Veränderungen könnten demnach insbesondere Bereiche in frontalen Regionen des Hirns betroffen sein, die unter anderem für das Kurzzeitgedächtnis eine Rolle spielen. 

Zusammenhang mit Alzheimer? 

Der Hormonhaushalt könnte bei Frauen womöglich auch ein Risikofaktor für die Entstehung von Alzheimer sein, vermutet Goldsteins Team. In künftigen Untersuchungen wollen die Wissenschaftler weiter erforschen, welche Menschen besonders anfällig für diese Form der Demenz sind und welche Unterschiede es dabei zwischen Männern und Frauen gibt. 

"Die Alzheimer-Erkrankung ist eine der größten Public Health-Herausforderungen unserer Zeit", schließt Goldstein. "Es ist unerlässlich, dass wir verstehen, wie wir das Gedächtnis ein Leben lang erhalten können. Dafür müssen wir in der Forschung auch geschlechtsspezifische Unterschiede betrachten." (The Journal of the North American Menopause Society, 2016)

(The North American Menopause Society (NAMS)/ Brigham and Women's Hospital, 10.11.2016 - DAL)

 Nota. -   Spekulieren wir mal (aber nur, weil es lustig ist) über den möglichen Selektionsvorteil. 1. In jungen Jahren gibt's noch viel zu lernen. Das setzt voraus, dass man den Kopf nicht voller unnötigem Ballast hat. Man muss immer wieder mal Platz schaffen für Neues; man merkt sich besser nicht alles, sondern nur das Wichtigere. 

2. (noch lustiger:) In der Frühzeit der Familie Homo waren die Männer Jäger, die Frauen Sammler. Die Männer unternahmen lange und gefährliche Ausflüge in die Wildnis, die Frauen blieben beim Lager und hüteten das Feuer. Die Männer konnten sich auf der Jagd nicht leisten, gegeneinander nachtragend zu sein, sie mussten sich im Ernstfall auf einander verlassen können. - Schön, das erklärt, warum sie vergessen lernten. Warum war das für die Frauen ohne Vorteil? - Weil sie in der Abswesenheit der Männer zusammensaßen und schwatzten, und da taugt jeder Erinnerungssplitter zum Giftpfeil. - Ach ja? Und warum nicht mehr nach der Menopause? - Da sind die stärksten Männer längst vergeben, da lohnt sich keine Intrige mehr.

Nur weil es lustig ist? Na ja - auch um zu zeigen, wie mann mit ein bisschen bösartiger Phantasie Genderstudien animieren kann
JE  

 

Mittwoch, 2. November 2016

Eine Frau hat ihre Tage auch im Kopf.

Das Gehirn von Frauen verändert sich im Takt ihres hormonellen Zyklus
aus scinexx

Frauengehirn verändert sich im Takt des Zyklus
Mit steigenden Östrogen-Spiegeln wächst der Hippocampus im weiblichen Gehirn

Hormon-Effekte im Gehirn: Der weibliche Zyklus lässt nicht nur ihre Hormonspiegel monatlich schwanken. Sogar das Gehirn verändert im Takt dieses Zyklus seine Struktur, wie nun eine Studie belegt. Der Hippocampus, das Gedächtniszentrum des Gehirns, nimmt immer dann an Volumen zu, wenn auch die Östrogenspiegel der Frau hoch sind. Ob und wie sich das auf Stimmung und geistige Leistungen auswirkt, muss nun erforscht werden.

Auf und Ab der Hormone: Durch den Menstruationszyklus der Frau schwanken im Laufe eines Monats die Spiegel wichtiger Hormone wie des Östrogens. Das beeinflusst nicht nur die Fruchtbarkeit und den Eisprung, sondern sogar das Verhalten und die Stimmung. So verändert sich die Kooperationsbereitschaft von Frauen im Rhythmus ihrer Hormone und auch bestimmte geistige Leistungen schwanken im Verlauf des Zyklus, wie Studien zeigen.

Was dahinter steckt, könnten nun Claudia Barth vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und ihre Kollegen herausgefunden haben. Für ihre Studie haben sie untersucht, ob und wie sich die Struktur des Gehirns bei einer Frau im Laufe des Zyklus verändert. Im Speziellen analysierten sie dabei die Größe des Hippocampus mit Hilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) – einer Hirnstruktur, die für Gedächtnis, Stimmung und Emotionen besonders wichtig ist.

Hippocampus-Volumen verändert sich

Das Ergebnis: Der schwankende Hormonspiegel verändert tatsächlich in erstaunlicher Regelmäßigkeit auch die Struktur des Gehirns. "Wir haben herausgefunden, dass parallel zum ansteigenden Östrogenspiegel bis zum Eisprung auch das Volumen des Hippocampus zunimmt - sowohl das seiner grauen als auch seiner weißen Substanz", berichtet Barth. Die Veränderungen im Hippocampus traten nahezu ohne Zeitverzögerung gegenüber den hormonellen Schwankungen auf.


Parallel zum Rhythmus des Östrogen-Spiegels über den Monatszyklus hinweg variiert bei Frauen auch die Struktur ihres Hippocampus (gelb).
Parallel zum Rhythmus des Östrogen-Spiegels über den Monatszyklus hinweg variiert bei Frauen auch die Struktur ihres Hippocampus (gelb).
Die Forscher vermuten daher, dass sich der Östrogenspiegel nahezu sofort auf das Gehirn auswirkt. Die Dichteveränderungen im MRT-Bild deuten darauf hin, dass sich bei der weißen Hirnsubstanz die Anordnung der Fasern und Zellen und die Ausrichtung der Myelinschicht der Nervenfasern ändert. Was genau dabei geschieht du über welche Mechanismen, ist aber noch unbekannt.

Wirkung auf Stimmung und Gedächtnis?

"Unsere Studie liefert damit den ersten Beleg, dass die subtilen hormonellen Schwankungen während des Menstruationszyklus zu Veränderungen in der Hirnstruktur führen", konstatieren die Wissenschaftler. Ob und wie sich dies auf das Verhalten und die geistigen Fähigkeiten der Frauen auswirken, ist allerdings bisher noch unklar.

Eine Vermutung haben die Forscher jedoch bereits: "Der Hippocampus spielt eine zentrale Rolle für unser Gedächtnis, unsere Stimmung, unsere Emotionen", sagt Barth. Es liege daher nahe, dass zyklusbedingte Stimmungsschwankungen oder Änderungen der geistigen Leistungsfähigkeit damit verknüpft sein könnten. Zumindest bei Mäusen habe man bereits Ähnliches festgestellt.

Um den noch offenen Fragen nachzugehen, planen die Forscher nun Studien mit einer größeren Zahl von Frauen. Möglicherweise geben die Ergebnisse auch Aufschluss darüber, warum manche Frauen besonders stark unter dem prämenstruellen Syndrom leiden. "Um die neuronalen Prozesse hinter diesem Leiden zu verstehen, müssen wir zunächst herausfinden, welchem monatlichen Rhythmus das Gehirn gesunder Frau folgt", sagt Barths Kollegin Julia Sacher. (Scientific Reports, 2016; doi: 10.1038/srep32833)

(Max-Planck-Gesellschaft, 10.10.2016 - NPO)

Dienstag, 1. November 2016

Der stetig größer werdende Unterschied.

Schnuller für jeden Bedarf. Allerdings: Eine Vorliebe der Geschlechter für Rosa oder Hellblau ist garantiert nicht biologisch festgelegt ...
aus Tagesspiegel.de, 1. 11. 2016, 19:35 Uhr 

Gender und Wissenschaft  
Der kleine und der große Unterschied 
Die Geschlechterforschung muss die Biologie stärker zur Kenntnis nehmen, sonst wird sie in die Isolation geraten. Ein Kommentar.
von  

Das Gender-Thema erhitzt die Gemüter. Kaum eine andere sozialwissenschaftliche Disziplin ist so umstritten wie die Geschlechterforschung. Ein großer Teil der Kritik entzündet sich an einem zentralen Gedanken des Fachs. Danach ist das biologische Geschlecht (Sex) im gesellschaftlichen Leben von eher geringer Bedeutung. Viel entscheidender ist das „kulturelle“ Geschlecht (Gender). Es ist eine soziale Konstruktion, mit deren Hilfe (überwiegend männliche) Macht und Unterdrückung, Ressourcen und Chancen organisiert werden. Männer und Frauen spielen Geschlechterrollen wie Schauspieler in einem Theaterstück. Die Genderwissenschaft ist angetreten, hinter die Kulissen des Dramas zu blicken und Ungleichheiten und Machtverhältnisse zu ändern.

Vielen leuchtet die Idee von der Zweiteilung, vom kleinen (biologisches Geschlecht) und vom großen Unterschied (kulturell konstruiertes Geschlecht) nicht ein, mehr noch: Sie fühlen sich so, als würde ihre Männlichkeit oder Weiblichkeit infrage gestellt werden, und damit ein zentraler Teil ihrer Persönlichkeit. Skeptisch gegenüber der Geschlechterforschung sind auch manche Wissenschaftler. Dabei sind es nicht nur Biologen oder Psychologen, die der Geschlechterforschung vorwerfen, naturwissenschaftliche Fakten zu ignorieren. Diese kontert damit, dass sie an den Tatsachen nicht zweifle, sich aber gegen deren ideologische Vereinnahmung wehre. Biologie ja, Biologismus nein, lautet die Formel.

Genderforschung: Glaubensinhalte statt Fakten?

Aber mit der immer wieder behaupteten Anerkennung biologischer Tatbestände ist es womöglich doch nicht so weit her. Das zeigt eine Studie der Soziologin Charlotta Stern von der Universität Stockholm. Im Gespräch mit Genderforschern machte die Wissenschaftlerin häufig die Erfahrung, dass man nicht an „Glaubensinhalten“ rühren durfte. Immer, wenn sie ketzerische Ideen ins Spiel brachte, etwa die, dass es Ungleichheiten in den mathematischen Fähigkeiten von Männern und Frauen gebe oder dass beide Geschlechter angeborene Unterschiede in Talenten und Motivationen haben könnten, begegneten ihr finstere Blicke. Stern hatte das Gefühl, dass ihre Kollegen sich mit ihren Ansichten isolierten und in Tabus flüchteten. Doch stimmte ihre Wahrnehmung?

Die Wissenschaftlerin überprüfte ihre Annahme anhand des Grundsatzartikels „Doing Gender“ von 1987. In diesem unter Geschlechterforschern viel beachteten und häufig zitierten Aufsatz von Candace West und Don Zimmerman spielt die Biologie nur eine Nebenrolle; die zentrale These ist, dass die Geschlechterrollen („Gender“) ein Ergebnis sozialen Handelns („Doing“) sind. Heute, Jahrzehnte später, gibt es etliche Studien, die in eine andere Richtung deuten, in denen für Unterschiede zwischen den Geschlechtern auch biologische und evolutionär bedingte Ursachen ausfindig gemacht wurden. Stern fragte sich, ob diese mittlerweile in der Forschung berücksichtigt wurden. Sie schaute sich für den Zeitraum 2004 bis 2014 jene Veröffentlichungen an, die „Doing Gender“ zitierten und die ihrerseits viel genannt wurden.

Gegen Ideologie - und selbst ideologisch?

Ergebnis der Stichprobe: Von 20 Beiträgen waren 15 „mit Scheuklappen versehen“, wie Stern schreibt. Sie ignorierten biologische Geschlechterunterschiede oder spielten sie herunter, vier waren neutral und lediglich einer zog die Biologie ernsthaft in Betracht – bei der Frage, welchen Einfluss das biologische Geschlecht der Kinder auf familiäre Prozesse wie Bildungsfragen, Scheidung und die verbrachte Zeit mit den Kindern hat. Sterns Fazit lautet, dass die sozialwissenschaft- liche Genderforschung ein Inseldasein führt und sich von anderen wissenschaftlichen Strömungen isoliert. Eine Vermutung, die auch andere Studien nahelegen. Die angeblich so anti-ideologische Geschlechterforschung läuft Gefahr, selbst ideologisch zu verknöchern.

Mann und Frau kommen nicht als unbeschriebene Blätter zur Welt. Es sind nicht nur die Genitalien, die sie unterscheiden, sondern auch, bei allen Gemeinsamkeiten, eine Reihe von biologischen und psychologischen Eigenheiten. Anders gesagt: Der Mensch hat seine natürliche Prägung nicht am Eingang der Zivilisation abgelegt wie einen Mantel an der Garderobe. Natur, Umwelt und Kultur finden in ihm zusammen. Diese Einheit im Verschiedenen macht unsere Existenz so spannend.


Nota. - Na Mann, das geht zu Herzen: Die treue Sele fragt sich wahr- und wahrhaftig, ob nicht vielleicht die anti-ideolo- gisch posierende Gender-Forschung "selber ideologisch"... ist? Nein nein, bloß: unter Umständen "werden könnte".

Ein Rammbock gegen die politische Korrektheit ist der Tagesspiegel nie gewesen. Da muss man schon froh sein, wenn hier und da die Stimme des gesunden Menschenverstands durchklingt.
JE



Sonntag, 30. Oktober 2016

Wenn lügen zur Gewohnheit wird.


 
aus scinexx

Warum Lügen auf die "schiefe Bahn" führen 
Wiederholte Unehrlichkeit führt zu einer Art Abstumpfungs-Effekt 

Abstumpfungs-Effekt: Flunkern und Lügen kann tatsächlich auf die sprichwörtlich schiefe Bahn führen, wie ein Experiment enthüllt. Denn bei wiederholtem eigennützigem Lügen schwächt sich die Reaktion unseres Gefühlszentrums ab – wir stumpfen sozusagen ab. Bei den Probanden führte dies dazu, dass sie im Laufe des Versuchs immer stärker schummelten, wie die Forscher im Fachmagazin "Nature Neuroscience" berichten.

Lügen gilt als unmoralisch – eigentlich. Trotzdem hat fast jeder von uns in bestimmten Situationen schon einmal gelogen. Interessanterweise gibt es dabei durchaus Unterschiede zwischen den Geschlechtern, und auch bestimmte Berufe und Tageszeiten scheinen die Unehrlichkeit zu fördern. 

Die Sache mit der "schiefen Bahn"

Und noch ein Phänomen zeigt sich: Wer Finanzbetrug und andere schwerwiegende Unehrlichkeiten begeht, der hat oft klein angefangen. "Die Täter beschreiben hinterher oft, wie sich kleinere Unehrlichkeiten mit der Zeit lawinenartig zu beträchtlich schwerwiegenderen Lügen aufschaukeln", berichten Neil Garrett vom University College London und seine Kollegen.
 

Aber warum? Das haben die Forscher nun in einem Experiment untersucht. Ihre Vermutung: Häufiges Lügen führt dazu, dass eine gefühlsmäßige Hemmschwelle abgebaut wird. "Wenn wir zum eigenen Vorteil lügen, erzeugt unsere Amygdala ein negatives Gefühl", erklären die Wissenschaftler. "Dieses Unwohlsein schränkt ein, wie weit wir mit unserer Unehrlichkeit gehen." Wiederholt sich das Lügen aber sehr oft, dann könnte diese Reaktion abstumpfen.
 
Schummeln im Hirnscanner

Um diese Hypothese zu testen, verführten Garrett und seine Kollegen ihre 80 Probanden zu ungestraftem Schummeln, während diese in einem Hirnscanner lagen. Die Testpersonen wurden gebeten, die Mengen an Münzen in einem Gefäß möglichst genau zu schätzen und diese Zahl per Computer an einen ihnen unbekannten Spielpartner zu senden.



Die Amygdala ist ein Zentrum für die Gefühlsverarbeitung im Gehirn
In der Basisvariante des Versuchs profitierten beide Partner, wenn die Schätzung möglichst genau ausfiel. Bei einer weiteren Variante jedoch erhielt der erste Teilnehmer mehr Belohnung, wenn er seinem Partner einen zu hohen Schätzwert übermittelte – er also die Menge der Münzen überschätzte. Was sich dabei jeweils in der Amygdala abspielte, dem Emotionszentrum des Gehirns, beobachteten die Wissenschaftler mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT).
 
Die Lügen werden größer 

Dabei zeigte sich: Immer dann, wenn die Probanden zum eigenen Vorteil logen, wurde ihre Amygdala besonders aktiv. Diese unwillkürliche Reaktion fiel am Anfang des Experiments besonders stark aus – und schlug sich im Verhalten der Teilnehmer nieder. Sie schummelten bei ihren ersten Durchgängen nur wenig, indem sie ihre Schätzwerte leicht höher ansetzten.

 Im Laufe des Experiments jedoch änderte sich dies, wie die Forscher feststellten: Die Unehrlichkeit der Testpersonen nahm im Laufe der Zeit zu. Sie schummelten bei den Schätzwerten immer stärker, wenn ihnen dies Vorteile bei der Belohnung brachte. Gleichzeitig veränderte sich die Reaktion ihres Gefühlszentrums: Die Amygdala reagierte zunehmend schwächer auf eine eigennützige Lüge.

Eskalation durch Abstumpfung 

Nach Ansicht der Forscher spricht dies dafür, dass fortgesetztes Lügen unser Gefühlszentrum sozusagen abstumpfen lässt. Das instinktive Unwohlsein, das wir bei einer eigennützigen Lüge empfinden, nimmt im Laufe der Zeit ab. Das wiederum führt dazu, dass die Hemmungen selbst gegenüber größeren Schummeleien immer weiter schwinden.

"Je sich mehr diese Reaktion abschwächt, desto größer werden dann unsere Lügen", erklärt Seniorautor Tari Sharot vom University College London. "Das führt dann zur schiefen Bahn, wo anfangs kleine Akte der Unehrlichkeit zu immer schwerwiegenderen Lügen eskalieren." Allerdings: Dieser Effekt scheint nur dann zu greifen, wenn Eigennutz im Spiel ist. Hatten die Probanden keinen Vorteil vom Lügen, eskalierten ihre Schummeleien auch nicht. 

Diese Ergebnisse werfen die spannende Frage auf, ob diese moralisch-emotionale Abstumpfung auch in anderen Bereichen auftritt. "Wir haben in unserem Experiment nur die Unehrlichkeit getestet", sagt Garrett. "Aber das gleiche Prinzip könnte auch bei anderen Handlungen wie gewalttätigem oder riskantem Verhalten zu Eskalationen führen." (Nature Neuroscience, 2016; doi: 10.1038/nn.4426)

(University College London, 25.10.2016 - NPO) 



Nota. - Mein voriger Eintrag könnte zu der Frage verleiten, ob es beim Lügen vielleicht geschlechtsspezifische Unterschiede gibt. Aber vielleicht hätte es Ärger mit den Drittmittelgebern gegeben, wenn sie das untersucht hätten...
JE

Freitag, 28. Oktober 2016

Frauen haben kurze, aber dicke Beine.


i.huffpost

In der NZZ am Sonntag vom 11. 12. 2015 veröffentlichte Martin Helg unter der Überschrift «Frauen Lügen raffinierter» ein Gespräch mit Ex-Kommissar Josef Wilfling, dem langjährigen Leiter der Münchner Mordkommission, über seine Erfahrungen mit Verhören.

Freundlich bleiben, nicht drohen, nicht täuschen: Wer an die Wahrheit kommen will, braucht Einfühlung und Geduld. Ein Meister des polizeilichen Verhörs gibt ausnahmsweise sein Wissen preis:

Josef Wilfling (*1947) war Chef der Münchner Mordkommission. Über seine Erlebnisse als Ermittler schreibt er erfolgreiche Bücher: «Abgründe», «Unheil» und zuletzt «Verderben. Die Macht der Mörder» (Heyne-Verlag, 2015). (Bild: Imago).... 

Helfen polizeiliche Ermittlungsprinzipien auch der Gattin, die herausfinden will, ob ihr Mann sie betrügt?

Freilich. Sie kann ihn beschatten.

Ein Verhör wäre kontraproduktiv?

Stellt sie ihn zur Rede, wird er lügen. Richtig wäre, ihm keine Szenen zu machen, sondern in Ruhe seine Klamotten und das Handy zu checken. Am nächsten Tag haut sie ihm Sachbeweise um die Ohren. Mit Fakten konfrontiert, sagen 95 Prozent der Männer die Wahrheit. Bei Frauen hat man dagegen Pech.

Warum?

Frauen lassen sich von Fakten nicht beeindrucken, damit muss man bei ihnen gar nicht erst anfangen. Bei einer hatten wir ein Video, das zeigte, wie sie in der U-Bahn auf jemanden einstach. Sie sagte: Das bin ich nicht. Da beisst man sich die Zähne aus.

Wie kommt man bei Frauen zum Ziel?

Man muss ihre Gefühle ansprechen und zu verändern versuchen, etwa, wenn eine Frau ihrem Liebhaber ein Alibi gibt. Da war mal eine, bei der war gar nichts zu machen, dabei gab es eine Wasserlache unter ihrem Stuhl, so sehr schwitzte sie. Erst als wir ihr sagten, ihr Liebhaber habe noch viele andere Frauen, ist etwas in ihr umgeschlagen in abgrundtiefen Hass.

Lügen Frauen öfter als Männer?

Sie sind beim Lügen hartnäckiger und raffinierter. In meinen Lesungen sitzen zwei Drittel Frauen. Sie interessieren sich für das, was in der Seele von Tätern vor sich geht, das Abgründige. Männer fragen typischerweise: Wenn einer mit einer 357er-Magnum einen Kopfschuss kriegt, wie sieht dann das Loch im Schädel aus?

Gibt es noch andere kriminologisch relevante Geschlechtsunterschiede?

Männer töten, weil sie klammern, Frauen, um jemanden loszuwerden. Männer sagen, wenn ich dich nicht haben kann, dann soll dich ein anderer auch nicht haben. Sie verkraften es nicht, verlassen zu werden. Wenn sich Frauen zu so etwas hinreissen lassen, ziehen sie oft einen Schlussstrich, weil sie einen Neuanfang wollen.


Mittwoch, 26. Oktober 2016

Meine Leber gehört mir.

aus Süddeutsche.de, 26. Oktober 2016, 09:29 Uhr

Frauen trinken fast so viel Alkohol wie Männer
Der Suff, ein männliches Phänomen? Das ist eine veraltete Sicht. Dabei sind Frauen das empfindlichere Geschlecht, wenn es um übermäßigen Alkoholkonsum geht.
 
Von Werner Bartens

Vielleicht übertreiben es die Frauen manchmal mit dem Streben nach Gleichstellung. Dabei sollte sich herumgesprochen haben, dass Männer nicht immer als Vorbild taugen. Trotzdem steigt in vielen Teilen der Welt der Anteil der Frauen, die rauchen, während jener der Männer stagniert oder zurückgeht. Ein ähnlicher Trend ist beim Alkoholkonsum zu beobachten. Frauen holen auf und verringern damit den Abstand zwischen den Geschlechtern, wie Forscher aus Australien im Fachmagazin BMJ Open berichten.

Vor 100 Jahren kamen Alkoholgenuss und damit verbundene Gesundheitsschäden mehr als doppelt so häufig bei Männern vor wie bei Frauen. In manchen Regionen der Welt waren Männer sogar bis zu zwölfmal so oft davon betroffen. Inzwischen haben die Frauen jedoch nachgezogen, wie Suchtforscher um Tim Slade von der University of New South Wales zeigen. Sie haben 68 Studien zum Alkoholkonsum mit mehr als 4,4 Millionen Teilnehmern rund um den Globus ausgewertet. Die Analyse umfasste Jahrgänge von 1891 bis 2001 und damit mehr als 100 Jahre. Mit jedem Jahrzehnt wurde der Unterschied im Alkoholkonsum zwischen den Geschlechtern geringer.

"Alkoholkonsum und die daraus folgenden Störungen wurden historisch immer als männliches Phänomen aufgefasst"

"Alkoholkonsum und die daraus folgenden Störungen wurden historisch immer als männliches Phänomen aufgefasst", sagt Tim Slade. "Das ist eine veraltete Sicht. Mittlerweile sollten besonders die jungen Frauen als Zielgruppe gesehen werden." Gerade in den Jahrgängen ab 1980 und besonders ab 1990 zeigte sich, dass Frauen fast so oft zum Rausch neigen wie Männer und - da sie weniger vertragen - fast ebenso häufig von alkoholbedingten Schäden betroffen sind. Was "problematisches Trinkverhalten" angeht, liegt das Verhältnis zwischen Männern und Frauen für die Jahrgänge 1991 bis 2000 bei 1,2 zu 1. "Unsere Analyse zeigt, dass Frauen die Männer in einigen Bereichen schon überholt haben", sagt Slade.

In Deutschland warnen Institutionen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) immer wieder vor den Risiken des Alkoholkonsums. "Zwar hat sich der Anteil junger Erwachsener, die regelmäßig - das heißt mindestens einmal pro Woche - Alkohol trinken, seit 1970 ungefähr halbiert, was eine erfreuliche Entwicklung im Sinne der Prävention ist", sagt Michaela Goecke, die das Suchtreferat der BZgA leitet. "Aber der gleiche Alkoholkonsum ist für Frauen auf Dauer gesundheitlich riskanter als für Männer." Vor diesem Hintergrund ist es bedenklich, dass im Vergleich zu vor zehn Jahren zwar deutlich weniger junge Männer gesundheitlich riskante Mengen Alkohol zu sich nehmen, der Rückgang bei jungen Frauen hingegen nur minimal ausgefallen ist. "Hier ist die Quote von jungen Männern und Frauen inzwischen fast gleich", sagt Goecke.

Dabei sind Frauen eindeutig das empfindlichere Geschlecht, was Alkohol angeht. Trotz niedrigerer Grenzwerte werden Leber, Hirn, Herz und Kreislauf früher und stärker geschädigt und auch die Krebsgefahr steigt schneller an, wenn Frauen über dem Limit trinken. "Es geht nicht darum, jedes Glas zu verbieten", sagt Michaela Goecke. "Aber Frauen müssen noch stärker aufpassen als Männer, wie viele Suchtstoffe sie zu sich nehmen."

Dienstag, 18. Oktober 2016

Papa ist ein Mauerblümchen.

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aus Südddeutsche.de,

Wenn 150-Prozent-Mamis die Väter verdrängen 
Einige Mütter mutieren nach der Geburt zu hysterischen Glucken und blocken jedes Engagement des Mannes ab. Um die Kinder geht es dabei selten - sondern um Macht, Ohnmacht und Gleichberechtigung. 


Von Jenny Hoch

Am Anfang dachte Jonathan Heilmann*, es sei nur eine Phase, dass seine Freundin ihm das gemeinsame Baby so gut wie nie anvertraute. Sie sei eben so glücklich, mit 41 doch noch ein Kind bekommen zu haben, dass sie es keine Sekunde aus den Augen lasse. "Löwenmutter" nannte der Hamburger seine Freundin damals zärtlich. Er war auch ein wenig stolz, sie waren nun eine richtige Familie, noch dazu eine moderne, die sich Betreuungszeiten und -aufgaben teilen würde. So hatten sie das jedenfalls vorher besprochen.

Nach vier Monaten war Jonathan Heilmann verwirrt. "Ich fühlte mich komplett überflüssig", erzählt er, "und ich erkannte meine Freundin kaum wieder." Aus der attraktiven, unbekümmerten Schauspielerin, die für ihren Beruf brannte, war, so empfand es ihr Partner, eine "150-Prozent-Mami" geworden, die sich nur noch für Stillmahlzeiten, Verdauungsprobleme und Einschlafrituale zu interessieren schien.

Nach einem Jahr gab es Jonathan Heilmann dann auf, ein gleichberechtigter Vater sein zu wollen: "Ich erinnere mich an eine Szene auf einer Gartenparty, da riss meine Freundin mir das Kind förmlich aus den Armen", sagt er. "Nicht einmal wickeln durfte ich es mehr. Wenn ich sie darauf ansprach, blockte sie ab. Ich hatte das Gefühl, nur noch zu stören."

Mütter, die nach der Geburt zu hysterischen Glucken mutieren und nicht mal mehr die Väter an die gemeinsame Brut ranlassen, das klingt im Zeitalter der Gleichberechtigung wie ein Klischee aus der "Mutti ist die Beste"-Mottenkiste. Oder wie eine Ausflucht nur scheinbar moderner Väter, die so tun, als könnten sie sich nicht gegen die dominanten Mütter ihrer Kinder durchsetzen, obwohl es ihnen in Wahrheit ganz recht ist, nicht derjenige sein zu müssen, der nachts das schreiende Baby beruhigt.

Andererseits: Jeder, der selbst Kinder oder zumindest öfter Kontakt mit Müttern hat, kennt solche Fälle. Die Freundin, die "so gerne" endlich mal wieder einen Abend für sich hätte, aber angeblich schafft es der Papa nicht alleine, den Nachwuchs ins Bett zu bringen. Oder der Spielplatz-Bekannte, der geduldig die viertelstündlichen Kontrollanrufe seiner Frau entgegennimmt, während die Tochter vor seiner Nase friedlich Sandkuchen backt. Der Mutter-Satz, der jedes väterliche Engagement im Keim erstickt: "Lass, ich mach das schon".

Jede fünfte Mutter blockiert das väterliche Engagement

Die Wissenschaft erforscht das Phänomen des mütterlichen Kontrollbedürfnisses seit beinahe zwanzig Jahren und hat dafür den Begriff des "maternal gatekeeping" geprägt. So belegte eine amerikanische Untersuchung aus dem Jahr 1999, dass 20 bis 25 Prozent aller verheirateten Mütter in die Gatekeeping-Kategorie fallen. Eine Langzeitstudie des deutschen Familien- und Sozialforschers Wassilios Fthenakis kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Etwa jede fünfte Frau blockiert das väterliche Engagement im Familienleben.

Die gängige These, warum sie das machen, lautet: Gatekeeper-Mütter sehen im Vater keinen gleichberechtigten und kompetenten Elternteil. Sie verteidigen ihre Herrschaftsdomäne mit allen Mitteln, auch, weil sie daraus einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Selbstbewusstseins ziehen. Schließlich haben in den meisten Fällen ja sie und nicht die Väter beruflich zurückgesteckt, da wollen sie wenigstens zu Hause Chefinnen sein.

Da mag was dran sein, allerdings - und das wird bei den vielen hitzigen Diskussionen zum Thema oft missverstanden - ging es den Soziologen nicht darum, mal wieder den Müttern die Schuld zuzuschieben. Dieser Reflex ist häufig zu beobachten: Kümmern sich Mütter nicht rund um die Uhr oder fordern gar, in Vollzeit zu arbeiten, sind sie "Rabenmütter"; sind sie besonders fürsorglich und schießen dabei auch mal übers Ziel hinaus, werden sie als "Glucke" oder "Helikopter-Mum" abgestempelt. Wie man es dreht und wendet, als Frau mit Kind kann man es heutzutage nur falsch machen.

Um die Kinder geht es hier gar nicht

Beim "maternal gatekeeping" geht es aber gar nicht um die Kinder, sondern um die Beziehung der Mutter zu ihrem Partner. "Wir haben es hier mit einer Bindungsstörung zu tun", sagt die Münchner Paar- und Familientherapeutin Gabriele Leipold. Gatekeeperinnen seien - meist aufgrund eigener frühkindlicher Erfahrungen - unfähig, sich auf eine Beziehung mit mehr als einer Person einzulassen. Wenn in so eine Zweierbeziehung ein Kind geboren wird, kommt eine Gatekeeper-Mutter damit nicht zurecht und versucht, eine der Personen aus der neuen Dreierkonstellation hinauszudrängen - in den allermeisten Fällen den Vater. Gabriele Leipold: "Die betroffenen Frauen versuchen verzweifelt, für das Kind der wichtigste Mensch zu sein und darin den Vater, den sie als Bedrohung empfinden, zu übertreffen." Dabei setzten sie derart hohe Betreuungsstandards, dass der Vater, wenn er doch mal übernehmen darf, zwangsläufig scheitert.

Das Zustandekommen dieser Störung erklärt die Therapeutin tiefenpsychologisch: Nach der an sich gesunden Mutter-Kind-Symbiose finde gegen Ende des ersten Lebensjahres die sogenannte "frühe Triangulierung" statt. "Das Kind nimmt wahr, dass da noch eine zweite Person ist, nämlich der Vater, der mit der Mutter eine innige Beziehung führt, die das Kind partiell ausschließt." Diese Erfahrung sei unter anderem deshalb wichtig, damit das Kind keine narzisstischen Größenfantasien entwickelt und sich als Mittelpunkt des Universums begreift: "Hat die Mutter das in ihrer frühen Kindheit selbst nicht erlebt, kann sie es später auch nicht leben."

Traditionelle Rollenbilder machen Frauen zu Gatekeeperinnen

Solche "schweren" Fälle seien aber selten, betont sie, viel typischer - und leichter therapierbar - seien Probleme rund um die ungleiche Aufgabenverteilung in der Kinderbetreuung und im Haushalt. Und diese resultiert wiederum oft aus den traditionellen Rollenbildern, die sich offenbar so tief ins Bewusstsein eingegraben haben, dass sie nicht so einfach abzuschütteln sind: Die Frau hält zu Hause die Stellung, während der Mann das Geld verdient und die Familie ernährt.

Für eine Liebesbeziehung haben alle Formen von "maternal gatekeeping" Folgen. Der Mann fühlt sich aus der Partnerschaft ausgeschlossen, weil er seine Frau nur noch als Mutter, nicht mehr als Partnerin sieht. Er fühlt sich von ihr nicht mehr geliebt und erlebt die Vereinnahmung der Kinder als Misstrauen oder sogar als Aggression ihm gegenüber. "In diesem Klima haben positive Gefühle füreinander keinen Platz", erklärt Gabriele Leipold. Es komme nicht selten vor, dass Paare sich dann trennen.

So wie Julia und Clemens Schall*. Die Erzieherin und der Marketing-Manager aus München waren Berufsanfänger, als sie vor sieben Jahren ihre erste und drei Jahre später ihre zweite Tochter bekamen. Trotzdem entschieden sie sich gegen eine Krippe und für das traditionelle Modell: Sie war den ganzen Tag mit den Kindern zu Hause, er arbeitete von früh bis spät, oft auch am Wochenende. "Ich wollte das so, weil ich ein großes Verantwortungsgefühl als Mutter habe und weil es sich für mich als Erzieherin absurd anfühlte, meine eigenen Kinder für viel Geld betreuen zu lassen und mich stattdessen um fremde Kinder zu kümmern", sagt Julia Schall.

Frauen glauben, es besser zu wissen

Clemens Schall dagegen hatte das Gefühl, dass ihm die Zügel aus der Hand genommen wurden, dass er nicht der Vater sein durfte, der er gerne sein wollte: "Ich wäre nicht jedes Mal sofort hingerannt, wenn eines der Kinder weinte. Aber egal, was ich tat, ob ich wickelte, fütterte oder die Mädchen ins Bett brachte, Julia stand die ganze Zeit daneben und korrigierte mich." Seine Frau kontert: "Ich hatte das alles ja schon Hunderte Male gemacht und wusste deswegen genau, wie es am besten funktioniert."

Das war nicht der einzige Streitpunkt: Sie wollte die Kinder abends Punkt sieben im Bett haben, er hatte nach der Arbeit das Bedürfnis, noch ein bisschen mit ihnen zu toben. Sie fand es wichtig, die Kinder gesund zu ernähren, er kaufte ihnen zwei Kugeln Eis statt einer. Sie hätte sich gewünscht, dass er sich auch mal um Kinderarzttermine und Geburtstagsgeschenke kümmert, er hatte längst den Überblick verloren. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Irgendwann stritten sie so viel, dass sie vor eineinhalb Jahren beschlossen, sich zu trennen.

Sie erlebe in ihrer Praxis häufig eine gewisse Unflexibilität von Seiten der Frauen, sagt Gabriele Leipold, aber auch große Frustration. Von außen betrachtet, gibt sie zu bedenken, wirke deren besserwisserisches Verhalten vielleicht wie eine Machtdemonstration, doch tatsächlich verberge sich Ohnmacht dahinter: "Viele Frauen haben nach einer längeren Babypause Minderwertigkeitskomplexe und die durchaus berechtigte Sorge, beim Wiedereinstieg in den Job auf dem Abstellgleis zu landen. Zu Hause dagegen sind sie so perfekt eingearbeitet, dass der Mann beinahe überflüssig ist. Aus diesem Grund halten sie oft so lange an ihrem Hausfrauenstatus fest."

Die Expertin rät zur To-do-Liste

Ihren Klienten rät sie, exakt festzulegen, wer welche Aufgaben übernimmt, und To-do-Listen zu führen - und zwar schon, bevor sich Nachwuchs ankündigt. "Man muss die Männer fordern, aber ihnen dann auch die Chance geben, sich in diese neuen Aufgabengebiete einzuarbeiten", fasst Gabriele Leipold ihre Erfahrungen aus der Praxis zusammen. Wer jetzt findet, dass im Jahr 2016 Hausarbeit für Männer kein Neuland mehr sein sollte, dem kann man nur zustimmen. Doch die Zahlen belegen das Gegenteil: Der Anteil, den Männer an der Haus- und Erziehungsarbeit übernehmen, hat sich seit den Siebzigerjahren kaum verändert, er beträgt im Schnitt gerade mal 30 Prozent. Das fand die Darmstädter Soziologieprofessorin Cornelia Koppetsch in einer viel beachteten Studie heraus. Ihr Fazit: Die Gleichheit der Geschlechter ist eine Illusion.

Es ist also höchste Zeit umzudenken, und zwar für Frauen und Männer. Julia Schall etwa sieht ihre Entscheidung, wegen der Kinder insgesamt sechs Jahre lang zu Hause geblieben zu sein, inzwischen kritisch: "Ich frage mich oft, ob wir noch zusammen wären, wenn ich wieder gearbeitet hätte. Weil wir so unterschiedliche Leben führten, hatten wir zu wenig Verständnis füreinander." Und ihr Ex-Mann sagt: "Es tut mir bis heute weh, dass ich vom Alltag meiner Familie so wenig mitbekommen habe."

*Namen geändert 

Nota. - Ja,das ist alles trivial; aber falsch wird es daduch nicht; nicht einmal die Notwendigkeit, es auszusprechen, wird dadurch gemindert. Und warum nicht dieses? Weil am Ende doch wieder die ExpertIn das letzte Wort hat!

Es ist keine Sache der gescheiten Technik, sondern eine Angelegenheit von Mentalitäten. Es wird langsam Zeit, dass sich Männer ihr "Rollenbild", sei's das Mordsmannsbild, sei's der sensible Frauenversteher, nicht von den Frauen anhexen lassen. Die wissen schon, wobei sie sich am wohlsten fühlen, aber gerade darum geht es nicht - nicht den Männern, nicht den Kindern.
JE