Mittwoch, 20. September 2017

Das weibliche Sicherheitsbedürfnis.

Egon Schiele
aus dieStandard.at, 20. September 2017, 10:00

Wenn Exzellenz zur Ausrede wird
Je höher die Karrierestufe im Wissenschaftsbetrieb, desto weniger Frauen sind dort zu finden. Ein Projekt untersuchte, wie es die Universitäten mit Gleichstellung halten und welche Auswirkungen die enorme Konkurrenz hat

von Beate Hausbichler

Wien – Frauen sind an den Universitäten eine junge Erscheinung. In Österreich konnten sie erst im Laufe des letzten Jahrhunderts Einzug in die Unis halten. Inzwischen haben sie eine beachtliche Aufholjagd hingelegt. Mit 54 Prozent sind heute Frauen als Studierende in der Mehrheit, sie werden aber ab der Postdoc-Ebene immer weniger: Der Professorinnenanteil in Österreich liegt bei 23 Prozent, europaweit werden nur 20 Prozent der Universitätsinstitute von Frauen geleitet.

Während Unis oft als Ort des streng regulierten geschlechterpolitischen Fortschritts gelten, sieht die Realität anders aus. Trotzdem werden Maßnahmen zur Frauenförderung nicht von allen Universitäten mit gleicher Intensität vorangetrieben, was auch mit dem 2002 installierten Universitätsgesetz zu tun hat. Mit ihm mussten die Unis einen großen Schritt in Richtung Selbstmanagement gehen, womit auch gleichstellungspolitische Maßnahmen den Unis übertragen wurden. Die Soziologinnen Angelika Striedinger und Johanna Hofbauer haben untersucht, wie sich die neuen unternehmerischen Anforderungen an den Universitäten auf gleichstellungspolitische Maßnahmen in Österreich auswirken und warum Frauen in den höheren Karriereebenen eine Minderheit sind.

Wettbewerb um "Exzellenz"

Hofbauer und Striedinger forschten mit Unterstützung des FWF im Rahmen des länderübergreifenden Projekts "Entrepreneurial University and Gender Change: Arbeit – Organisation – Wissen". In den nun vorliegenden Ergebnissen zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den vier untersuchten anonymisierten österreichischen Unis. Ein Problemfeld zog sich allerdings wie ein roter Faden durch große Teile der untersuchten Daten: der enorme Wettbewerb um "Exzellenz".



"Die Universitäten raufen sich um die besten Ranking-Positionen, auch zwischen den Wissenschafterinnen und Wissenschaftern findet ein Kampf um die vordersten Plätze statt", sagt Hofbauer. Dabei werde unter den Tisch gekehrt, dass das Leistungsprinzip, nach dem nur die Besten durchkommen würden, so nicht stimme. "Es sind nicht einfach die Besten, sondern vor allem die mit den besten Ressourcen im Hintergrund und die mit dem höchsten Grad an Mobilität."

Die Konsequenz ist ein harter Konkurrenzkampf, zwischen den Unis und zwischen den Menschen im Wissenschaftsbetrieb. Striedinger und Hofbauer haben sowohl mit jungen Wissenschafterinnen als auch mit Wissenschaftern gesprochen, um herauszufinden, wo die Probleme für den gesamten Nachwuchs liegen und wo es Genderkomponenten gibt. Konkurrenzdruck und undurchsichtige Kriterien für die sogenannte Exzellenz waren Generalthemen. "Nachhaltige Karriereperspektiven oder längerfristige Verträge – darum kämpfen alle", sagt Hofbauer.

Immer wieder Sorgearbeit

Doch für Frauen sei die Ungewissheit noch einmal weitreichender. "Frauen tragen mit ihrer Geschlechterrolle eine Perspektive von Verantwortung für Familie und Sorgearbeit mit sich – selbst wenn sie noch keine Familie haben", sagt Hofbauer gegenüber dem STANDARD. Insofern sei diese Unsicherheit für Frauen existenzieller als für Männer, die noch immer damit rechnen könnten, dass sie eine Frau maßgeblich bei der Sorgearbeit entlastet.

Über die individuelle Wahl gegen oder für den Beruf Wissenschafterin hinaus spielen auch Zuschreibungen von jenen eine Rolle, die Männer und Frauen potenziell fördern könnten. "Familiengründung wird in vielen Fällen bei einer jungen Wissenschafterin als größeres Hindernis als bei ihrem Kollegen wahrgenommen", meint Striedinger.

Dass Frauen noch immer die Frage der Vereinbarkeit weit mehr als Männer umtreibt, zeigt der Braindrain in den Naturwissenschaften. Frauen wechseln oft in die Industrie, weil sie dort für sich bessere Bedingungen vorfinden. "In der Industrie findet man Möglichkeiten zur Vereinbarkeit, während man in der Wissenschaft als Hängemattenkandidatin gilt, wenn man etwa Arbeitszeitenregulierungen fordert", sagt Hofbauer. Neben den Interviews mit Menschen aus dem Wissenschaftsbetrieb lieferten den Soziologinnen verschiedenste Dokumente wichtige Daten.

Keine Zeit für Gleichstellung

In Entwicklungsplänen, Leistungsvereinbarungen oder Wissensbilanzen offenbarten die Unis ihr Verhältnis zu Gleichstellungsmaßnahmen. Die Begründungen, warum diese gesetzt werden, reichten von einem nötigen größtmöglichen Nutzen der personellen Ressourcen darüber, der Anordnung eines Ministeriums Folge leisten zu wollen, bis hin zu dem Anspruch, dass Diversität schließlich zu den Grundsäulen der Academia zähle. Es zeigte sich, dass an jenen Unis, an denen diese verschiedenen Zugänge gleichzeitig sichtbar waren, mehr Gleichstellungsaktivitäten stattfanden.

Hofbauer und Striedinger fanden auch heraus, dass sich Universitäten mit einer starken Orientierung am internationalen Exzellenzwettbewerb mit Gleichstellungsarbeit zurückhalten. "Sie rechtfertigen ihre Versäumnisse damit, dass dafür einfach keine Ressourcen mehr da sind – dabei ist es ein großes Missverständnis, dass das eine das andere ausschließen würde", ist Hofbauer überzeugt. Würden Frauen unsichtbar gemacht, würden auch die Qualität ihrer Forschung und ihre Ideen unsichtbar. Für manche Unis sei Gleichstellung daher eine notwendige Voraussetzung für Exzellenz. Andere verwendeten die Förderung von Frauen hingegen wettbewerbsbedingt als Aufputz nach außen hin, ergänzt Striedinger. Während tatsächlich relativ wenig passiere. 


Link
Entrepreneurial University und GenderChange: Arbeit – Organisation – Wissen


Nota. - Dass das vordringliche weibliche Sicherheitsbedürfnis eine erbliche Charakterschwäche wäre, sagt ja keiner. Es ist eine kluge Anpassungs- oder richtiger: Vorbeugungsmaßnahme der Evolution. Dass es den Män- nern abgeht, ist nicht deren Verdienst, aber dass es den Frauen unter veränderten historischen Bedingungen Nachteile bringt, ist auch nicht ihre Schuld. 
JE



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